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Neurodivergenz ist keine Abweichung – sie ist evolutionäre Infrastruktur

Nov 28, 2025

Warum atypische Kognition kein Fehler der Natur ist, sondern Teil des evolutionären Mechanismus, der menschliche Anpassungsfähigkeit ermöglicht.

In heutigen Debatten wird Neurodiversität oft als individuelle Besonderheit behandelt – etwas, das man „berücksichtigen“ muss.
Praktisch relevant? Ja.
Strukturell herausfordernd? Ja.

Aber aus Sicht der Evolutionsbiologie passiert etwas deutlich Grundsätzlicheres:

Neurokognitive Vielfalt ist kein Unfall der Natur

Sie ist eine Form von Variation, die evolutionär stabil ist – und in bestimmten Kontexten Vorteile erzeugt.
Das ist nicht metaphorisch gemeint, sondern basiert auf bekannten Mechanismen der Populationsgenetik.

1. Evolution braucht Variation – ohne sie bricht Anpassungsfähigkeit weg

Richard Dawkins beschreibt Evolution als „blind“: Sie plant nicht voraus, sie reagiert nur auf das Hier und Jetzt.
Damit Anpassung möglich ist, braucht eine Population eines:
heritable variation – vererbbare Unterschiede.
Das ist Grundprinzip der Evolutionstheorie (Futuyma, 2013; Charlesworth & Charlesworth, 2010).

Zu den Mechanismen, die Variation erhalten statt beseitigen, zählen:

  • Balancing Selection (Heterozygotenvorteil, wechselnde Umweltbedingungen)

  • Frequency-Dependent Selection (Seltenheit kann Vorteil sein)

  • Bet-Hedging (Risikoabsicherung durch Diversität)

  • Niche Construction (Menschen schaffen Umwelten, die unterschiedliche Kognitionsformen begünstigen)

Diese Mechanismen sind gut dokumentiert (Laland et al., 2003; Wolf & Weissing, 2012).

Daher gilt:
Populationen mit höherer kognitiver Diversität sind im Schnitt robuster gegenüber Umweltveränderungen.
 

2. Neurodivergente Merkmale folgen dem Muster “trade-off” – nicht „Defekt“

In der Evolutions- und Verhaltensforschung wird neurokognitive Variation häufig als trade-off phenotype beschrieben:

Ein Merkmal ist in einem Bereich weniger effizient, bietet dafür aber in einem anderen Bereich einen Vorteil.

Diese Logik findet man in der gesamten Biologie (Stearns, 1992).
Für menschliche Kognition gibt es zahlreiche Hinweise:

ADHS (novelty seeking / exploration)

  • höherer Fokus auf Veränderungen

  • schnellere Reaktionsbereitschaft

  • erhöhte explorative Motivation

    → Vorteil in dynamischen, mobilen Ökosystemen (Eisenberg et al., 2008; Nigg, 2020)

Autistische Kognitionsprofile (Systematisierung / Mustererkennung)

  • Detailorientierung

  • Präzision

  • geringe soziale Suggestibilität
    → Vorteil für Technologie, Werkzeugbau, strategische Entscheidungen (Crespi, 2016)

Dyslexie (visuell-räumliche Stärken)

  • schwächere phonologische Verarbeitung

  • stärkere räumlich-konzeptionelle Problemlösung
    → Vorteil in Navigation, Planung, Innovation (Eide & Eide, 2011; Nicolson & Fawcett, 2010)

Diese Merkmale sind kostspielig in manchen Domänen, aber hochwertig in anderen – genau das macht sie evolutionär stabil.

3. Warum wirken neurodivergente Merkmale heute „unflexibel“?

Weil unser modernes Umfeld biologisch neu ist und sich schneller verändert als Gene (oder epigenetische Mechanismen).

Wir leben heute in einer Umwelt, die durch folgende Merkmale geprägt ist:

  • hohe sensorische Belastung

  • komplexe soziale Dynamiken

  • dauerhafte Multitasking-Anforderungen

  • ununterbrochenes Informationsrauschen

Das entspricht nicht den Umwelten, in denen die menschliche Kognition über Hunderttausende Jahre selektiert wurde.
Das ist ein klassisches Beispiel für evolutionary mismatch (Li et al., 2018; Gluckman & Hanson, 2006).

Neurodivergenz ist deshalb nicht „maladaptiv“, sondern kontextabhängig.

4. Die präzise, wissenschaftlich fundierte These

Die Metapher „evolutionäre Notwendigkeit für Evolution selbst“ ist zugespitzt, aber sie trifft den wissenschaftlichen Kern:

Neurodivergente Merkmale tragen zur genetischen und kognitiven Variation bei, die eine Population zur Anpassung, Innovation und Krisenresilienz benötigt.

Das entspricht genau dem Konzept adaptive diversity:

  • Diversität = höhere Überlebenschance unter wechselnden Bedingungen

  • Homogenität = hohes Risiko bei Umweltveränderungen
    (siehe Wolf & Weissing 2012; Henrich 2016)

Oder anders:

Neurodivergenz ist Teil des adaptiven Baukastens (“adaptive toolkit”) der menschlichen Spezies.

Nicht jeder Vorteil ist individuell spürbar.
Aber auf Populationsebene erhöht Vielfalt die Robustheit – und diese Ebene ist entscheidend für Evolution.

5. Konsequenzen für Organisationen und Gesellschaft

Moderne Organisationen funktionieren oft nach dem Ideal:

“Homogenität ist effizient.”

Aber evolutionär gilt:

“Diversität ist überlebensfähig.”

Unternehmen, die neurokognitive Vielfalt verstehen und strukturell nutzen, profitieren von:

  • mehr Problemlösungskapazität

  • höherer Innovationsrate

  • robusterer Entscheidungsqualität

  • geringerer Anfälligkeit für Gruppendenken

  • resilienterer Kultur

Neurodivergenz ist kein Fehler im System. Sie ist ein Bestandteil des evolutionären Mechanismus, der menschliche Anpassungsfähigkeit ermöglicht. Eine Population ohne neurokognitive Vielfalt wäre weniger robust, weniger innovativ und weniger überlebensfähig.


Evolution & Variation

  • Futuyma, D. (2013). Evolution. Sunderland: Sinauer Associates.

  • Charlesworth, B. & Charlesworth, D. (2010). Elements of Evolutionary Genetics.

Balancing Selection, Bet-Hedging, Adaptive Diversity

  • Laland, K., Odling-Smee, F., & Feldman, M. (2003). Niche Construction: The Neglected Process in Evolution.

  • Wolf, M., & Weissing, F. (2012). “Animal personalities: consequences for ecology and evolution.” Trends in Ecology & Evolution.

  • Seger, J., & Brockmann, H. (1987). “What is bet-hedging?” Oxford Surveys in Evolutionary Biology.

Neurodivergenz als Trade-off

  • Crespi, B. (2016). “Autism as a Disorder of High Intelligence.” PNAS.

  • Nigg, J. (2020). “Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder as a Model of Evolutionary Trade-Offs.” Perspectives on Psychological Science.

  • Eisenberg, D. et al. (2008). “ADHD traits and reproductive success.” Evolution and Human Behavior.

Dyslexie & spatial cognition

  • Eide, B. & Eide, F. (2011). “The Dyslexic Advantage.”

  • Nicolson, R., & Fawcett, A. (2010). Dyslexia, Learning, and the Brain.

Mismatch-Theorie

  • Li, N. P. et al. (2018). “Mismatch theory: implications for modern mental health.” Behavioural and Brain Sciences.

  • Gluckman, P., & Hanson, M. (2006). Mismatch: Why our world no longer fits our bodies.

Kulturelle Evolution & Gruppenfitness

  • Henrich, J. (2016). The Secret of Our Success.

  • Smaldino, P. (2019). The Evolution of Group-Level Traits.



Über die Autorin

Xenia Matthies ist Wirtschaftspsychologin, systemische Beraterin und Vordenkerin an der Schnittstelle von Gesellschaft, Psychologie und Nervensystem. Mit ihren Frameworks NeuroSynergy®, B|New® und I.Z.E.N. macht sie mentale Gesundheit und Selbstführung für Einzelpersonen, Teams und Organisationen steuerbar.

Als eine der führenden Stimmen für Neuroinklusion und nachhaltiges Leadership berät sie C-Level-Führungskräfte und HR-Teams bei der Implementierung nervensystembasierter Infrastrukturen.

Kontakt:
LinkedIn: Xenia Matthies
E-Mail: [email protected]
Website: xeniamatthies.com

 

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