NeuroLeadership Podcast - Episode 11 “
“Emotionsregulation in der Führung”
STANDARD-INTRO
Willkommen bei NeuroLeadership – Führung trifft Nervensystem. Dein Podcast für klare Führung, mentale Stärke und neuroinklusive Organisationen. Hier bekommst Du in wenigen Minuten: Wissenschaft, Wirkung – und Werkzeuge.
PROVOKATIVER EINSTIEG
„Jetzt sei doch nicht so emotional.“ So oder so ähnlich hast Du das sicher schon mal gehört. Und wenn Du das öfter hörst, dann bist Du mit großer Wahrscheinlichkeit eher eine Frau. Denn in der Führung haben Emotionen angeblich nichts zu suchen.
Genau hier steckt eine der größten Fehlinformationen, die ich immer wieder erlebe. Gute Führung bedeutet nicht, keine Emotionen zu zeigen oder gar keine zu haben. Gute Führung bedeutet, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen.
Und wie Du das schaffst, darum geht es in der heutigen Folge.
HOOK & EINSTIEG
„Wie oft hast Du schon erlebt, dass eine Emotion im Meeting die Stimmung kippen lässt? Oder dass Du selbst in stressigen Situationen die Kontrolle über Deine Gefühle verlierst?“
Emotionsregulation ist eine der unterschätztesten, aber wichtigsten Kompetenzen in der Führung. Sie entscheidet darüber, ob Du in herausfordernden Momenten präsent und klar bleiben kannst – oder ob Du impulsiv reagierst und das Team mitreißt.
Mein Name ist Xenia und in dieser Folge erweitern wir das Thema Emotionsregulation um die neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse zur Nervensystemregulation. Du bekommst frische Aha-Erkenntnisse und praxiserprobte Strategien, die weit über klassische Atemübungen hinausgehen – damit Du als Führungskraft wirklich resilient und authentisch bleibst.
TEIL 1: WARUM EMOTIONSREGULATION FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE HEUTE NEU GEDACHT WERDEN MUSS
Emotionen sind keine Störungen, sondern Signale unseres Nervensystems. Um das verständlich zu machen, lass uns kurz das limbische System beleuchten.
Das limbische System ist der evolutionär ältere Teil unseres Gehirns – wir sprechen hier von emotionalen Zentren wie der Amygdala und dem Hippocampus. Es ist dafür zuständig, Gefahren zu erkennen, schnelle emotionale Reaktionen auszulösen und emotionale Erinnerungen zu speichern. Gerade in Stressmomenten übernimmt das limbische System oft die Kontrolle und löst schnelle Reaktionen wie Angst oder Ärger aus – lange bevor der rationale Teil unseres Gehirns, der präfrontale Kortex, einschreiten kann.
In leitenden Positionen ist das entscheidend: Wenn Dein limbisches System aktiviert ist, reagierst Du oft impulsiv – das bedeutet, dass Du möglicherweise Entscheidungen triffst, die Du später bereust, oder dass Du Deine Emotionen unbewusst an Dein Team überträgst.
Die Herausforderung ist also: Nicht nur Gefühle zu „kontrollieren“, sondern den Dialog zwischen limbischem System und Präfrontalcortex bewusst zu fördern. Das bedeutet, den impulsiven Erstreaktionen Raum zu geben, ohne dass sie die Führung übernehmen – und gleichzeitig den rationalen Teil des Gehirns zu aktivieren.
TEIL 2: EMOTIONSREGULATION ERLEBEN – SO NICHT, LIEBER SO
Viele Führungskräfte erleben Emotionsregulation als Kampf gegen ihre Gefühle – „Ich darf mich nicht ärgern“, „Ich muss ruhig bleiben, egal was passiert“. Das führt oft zu innerer Anspannung, Verdrängung oder emotionaler Erschöpfung.
So nicht:
Du spürst Wut aufsteigen, hältst sie aber zurück, weil Du denkst, als Führungskraft darfst Du das nicht zeigen. Die Anspannung steigt, Deine Stimme wird schärfer, Du wirst ungeduldig – und das Team spürt die unterschwellige Spannung, auch wenn Du es nicht aussprichst.
Lieber so:
Du erkennst die Wut als Signal – ein Wegweiser, dass eine Grenze überschritten wurde oder ein Bedürfnis nicht erfüllt ist. Du atmest bewusst, nimmst die Emotion an und nutzt sie als Information. Du formulierst klar und sachlich, was Dich stört, ohne impulsiv zu reagieren. So nutzt Du Emotionen als Kompass, nicht als Steuer.
Der Unterschied liegt darin, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen, sondern sie als wertvolle Signale zu sehen, die Dir helfen, die Situation besser zu verstehen und angemessen zu handeln.
TEIL 3: DIE NEUROLOGISCHEN MECHANISMEN DER NERVENSYSTEMREGULATION IN DER FÜHRUNG
Unser Nervensystem besteht aus mehreren Systemen, die in dynamischem Zusammenspiel unsere emotionale Reaktion steuern:
* Ventraler Vagus: Der „soziale Beruhiger“ – aktiviert Sicherheit, Verbindung und kognitive Flexibilität.
* Sympathikus: Der „Mobilisierer“ – aktiviert Kampf-oder-Flucht-Reaktionen.
* Dorsaler Vagus: Der „Shutdown-Mechanismus“ – führt zu Erstarrung oder Rückzug bei Überforderung.
Moderne Emotionsregulation bedeutet, diese Systeme bewusst zu steuern – nicht nur kurzfristig, sondern als dauerhafte Fähigkeit.
Neueste Forschung zeigt, dass wir durch gezielte Interventionen das ventrale Vagus-System aktivieren können, um Stressreaktionen zu dämpfen und die kognitive Leistungsfähigkeit zu erhöhen.
TEIL 4: EIN PRAXISBEISPIEL: MITTEN IM KONFLIKT ATMEN
Stell Dir vor, Du sitzt im Meeting. Die Stimmung ist angespannt, zwei Mitarbeitende diskutieren heftig. Plötzlich spürst Du, wie Dein Herz schneller schlägt, der Nacken verspannt. Dein limbisches System ruft Alarm – es fühlt sich an, als müsstest Du sofort eingreifen, vielleicht auch laut werden, um „die Kontrolle zurückzugewinnen“.
Hier kommt Deine Emotionsregulation ins Spiel: Du nimmst den Impuls wahr – ohne sofort zu handeln. Du atmest bewusst tief ein, zählst mental bis vier, und spürst, wie sich Deine Anspannung langsam löst. Damit aktivierst Du den ventralen Vagus und verschaffst Deinem präfrontalen Kortex Zeit, die Situation rational zu bewerten.
Jetzt kannst Du entspannt und klar intervenieren: Du formulierst z.B. „Ich merke, dass das Thema uns alle belastet. Lasst uns kurz einen Moment nehmen, um sicherzustellen, dass wir alle Perspektiven hören und eine gemeinsame Lösung finden.“
Dieser Moment des bewussten Innehaltens macht aus einem drohenden Konflikt eine Gelegenheit für echte Verbindung und lösungsorientiertes Handeln.
TEIL 5: INNOVATIVE, NEUROWISSENSCHAFTLICHE STRATEGIEN FÜR FÜHRUNGSKRÄFTE
1. Polyvagal-basierte Regulationstechniken
Statt nur auf Atemübungen zu setzen, nutzen wir polyvagal informierte Methoden, die das soziale Engagement fördern:
* Soziale Verbindung als Regulator: Ein kurzer, bewusster Blickkontakt oder ein echtes Lächeln aktiviert den ventralen Vagus und beruhigt das Nervensystem – auch in virtuellen Meetings.
* Stimm- und Tonfallbewusstsein: Deine Stimme ist ein mächtiges Werkzeug. Ein ruhiger, modulierter Tonfall signalisiert Sicherheit und reduziert Stress bei Deinem Team.
2. Embodiment und somatische Regulation
Neueste Studien zeigen, dass körperliche Haltung und Bewegung direkten Einfluss auf das Nervensystem haben:
* Power Posing mit neurobiologischem Hintergrund: Eine offene, aufrechte Haltung aktiviert das ventrale Vagus-System und erhöht Selbstwirksamkeit.
* Kurze, bewusste Bewegungsimpulse: 30 Sekunden bewusste Dehnung oder leichte Bewegung können Stressreaktionen signifikant reduzieren.
3. Neurofeedback und digitale Tools
Innovative Führungskräfte nutzen heute digitale Technologien, um ihre Nervensystemregulation zu trainieren:
* Wearables mit Biofeedback: Echtzeit-Feedback zu Herzfrequenzvariabilität (HRV) unterstützt die Selbstregulation.
* Apps für Achtsamkeit und Nervensystemtraining: Geführte Übungen, die auf neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, helfen, in stressigen Situationen schnell zu regulieren.
4. Kontextuelle Regulation – Situationsangepasste Führung
Die beste Emotionsregulation ist kontextsensitiv:
* Erkenne, wann Dein Team oder Du selbst in einem sympathischen Übererregungszustand sind und gezielte Beruhigung brauchen.
* Identifiziere Anzeichen von dorsaler Vagus-Aktivierung (Rückzug, Erschöpfung) und ermögliche sichere Pausen und Regeneration.
* Fördere Ventral-Vagus-Zustände durch soziale Sicherheit, klare Kommunikation und empathische Präsenz.
TEIL 6: EMOTIONSREGULATION ALS FÜHRUNGSKOMPETENZ IM TEAM
Als Führungskraft bist Du der emotionale Anker Deines Teams. Deine Nervensystemregulation wirkt sich direkt auf die Teamdynamik aus.
* Modelliere selbstreguliertes Verhalten: Deine Fähigkeit, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben, überträgt sich auf Dein Team.
* Schaffe sichere Räume für Emotionen: Ermutige Dein Team, Gefühle zu benennen und offen zu kommunizieren.
* Implementiere regelmäßige Nervensystem-Check-ins: Kurze Pausen oder Reflexionsrunden helfen, kollektive Dysregulation frühzeitig zu erkennen und zu adressieren.
Konkrete Tipps für den Umgang mit Emotionen im Team:
* Erkenne nonverbale Signale von Stress oder Überforderung frühzeitig – Körpersprache, Tonfall, Mimik.
* Ermutige zu ehrlicher Kommunikation ohne Bewertung – z.B. durch Ich-Botschaften.
* Schaffe Routinen für kurze emotionale Check-ins, z.B. am Beginn von Meetings.
* Fördere eine Kultur, in der auch schwierige Emotionen Raum bekommen, ohne dass sie eskalieren.
* Unterstütze Teammitglieder bei der Entwicklung eigener Regulationsstrategien, z.B. durch Workshops oder Coachings.
ABSCHLUSS & CALL-TO-ACTION
Emotionsregulation ist heute mehr als ein Soft Skill – sie ist eine neurobiologisch fundierte Führungsfähigkeit, die über Erfolg und Misserfolg entscheidet.
Deine Aufgabe für die nächste Woche: Beobachte Deine körperlichen und emotionalen Signale in stressigen Situationen bewusst. Nutze mindestens eine der vorgestellten polyvagal-basierten oder somatischen Techniken, um Dein Nervensystem zu regulieren. Achte darauf, wie sich das auf Deine Präsenz und Deine Führung auswirkt.
In der nächsten Episode widmen wir uns dem Aufbau psychologischer Sicherheit – der Basis für nachhaltige Emotionsregulation und Teamresilienz.
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Bis zum nächsten Mal! Sei präsent, sei verbunden. Führe mit dem Verständnis für Dein Nervensystem.
OUTRO
Das war NeuroLeadership – Führung trifft Nervensystem. Dein Podcast für klare Führung, mentale Stärke und neuroinklusive Organisationen.
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Timecodes für die Produktion:
* 00:00 - Relevanz und Intro
* 01:50 - Was Emotionen wirklich sind, das limbische System & warum Emotionsregulation heute neu gedacht werden muss
* 04:00 - Der Class der Rollenerwartungen
* 05:30 - Emotionsregulation erleben – so nicht, lieber so
* 07:00 - Wenn Emotionen übermannen - Neurologische Mechanismen der Nervensystemregulation
* 08:30 - Praxisbeispiel: Emotionsregulation im Konflikt
* 12:45 - Regulationstechniken ohne Atemfokus
* 17:30 - Emotionsregulation ist kontextsensitiv
* 18:00 - Emotionsregulation als Führungsqualität im Team
* 20:00 - Tipps zum Umgang mit Emotionen
* 25:00 - Abschluss & Call-to-Action